Vom Suchen und Finden der Spiritualität im Ramadan

Bevor ich hier meine Erfahrungen zur Fastenzeit preisgebe möchte ich eines vorwegnehmen. Ich selbst bin Muslima und der Islam war in meinem Leben immer präsent. Meine Mutter ist Ägypterin aus Kairo und gläubige Muslima. Wie viele andere Muslime lebt sie ihren Glauben für sich und hat ihn uns nie aufgezwungen. Natürlich gab es bei den ein oder anderen Themen Diskussionen, trotzdem konnte ich meine Spiritualität frei wählen und leben.

Mein ägyptischer Teil der Familie hat im heiligen Monat Ramadan immer gefastet. Ich habe es auch probiert, zwar nicht für einen ganzen Monat, aber ein paar Tage habe ich durchgehalten.

Wie funktioniert der Ramadan?

Im Ramadan wird von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang gefastet. Das heisst es darf weder gegessen noch getrunken werden. Das Fasten im Ramadan gehört zu den fünf Säulen des Islam, die jeder gläubige Muslim befolgen sollte. Man soll in diesen Stunden auch keinen Sex haben. Das sind die äußeren Formen des Fastens. Dann gibt es noch die inneren Formen des Fastens und hier wird es interessant. Der Fastende soll sich ganz von Sünde fernhalten, nichts Verwerfliches anschauen, nicht schlecht reden und auf nichts Böses hören. Außerdem widmet sich der Fastende im Fastenmonat Gott, indem er mehr betet und den Korans liest. Es soll eine Zeit der Besinnung darstellen.

Was ist das Ziel von Ramadan

Ich habe kürzlich mit einem Schüler der Yogaschule in der ich arbeite über Ramadan gesprochen. Er ist ein sehr moderner Marokkaner, der auch im Ausland gelebt hat und täglich Yoga, Pranayama und Meditation praktiziert. Da er, wie fast alle Marokkaner, die ich hier kennengelernt habe, fastet, hat mich interessiert, wie er die Fastenzeit empfindet und was die Ziele im Ramadan sind. Ich hatte erwartet, dass er mir erzählt, wie schwer und anstrengend es ist zu fasten. Sein erster Satz war jedoch “Stell dir vor du hast einen Monat Weihnachten. So ist Ramadan”. Natürlich weiß er nicht, dass ich an Weihnachten fast zur Besinnungslosigkeit esse. Aber das ist ein anderes Thema. Was er meinte war das Miteinander der Familie und der Freunde. Jeden Abend zum Fastenbrechen trifft man sich um zusammen zu essen und Zeit zu verbringen. Auch mein Bruder fastet jährlich und auch er schwärmt von der Fastenzeit, obwohl das Fasten in der Schweiz um einiges schwieriger sein muss.

Das sind die Hauptziele im Ramadan:

  • mehr Barmherzigkeit gegenüber Armen und Bedürftigen
  • Selbstbeherrschung und Konzentration auf das Wesentliche
  • Das Miteinander in der Familie und unter Freunden im Fastenmonat zum täglichen Fastenbrechen

Warum ich nicht faste

Da ich aktuell in Marokko lebe habe ich tatsächlich mit dem Gedanken gespielt dieses Jahr zu fasten. Nun möchte ich mich in keinster Weise rausreden. Ich esse einfach schlicht und ergreifend zu gerne und ich möchte auch den Tag über nicht auf Wasser verzichten. Zudem bin ich zwar spirituell, aber nicht an die Regeln einer Religion gebunden. Ich habe meine eigene spirituelle Praxis und kann mir vorstellen ein eigenes Konzept des Fastens zu verfolgen. So habe ich zum Beispiel im August letzten Jahres komplett auf Zucker verzichtet. Im Oktober haben wir Plastikfrei gelebt. Das sind meine kleinen Wege zu mehr Achtsamkeit.

Meine vergebliche Suche nach Spiritualität im Ramadan

Am ersten Tag des Ramadans in Casablanca war ich geschockt über das Verhalten einiger Fastender. Ich stelle mir das Fasten sehr schwer vor, aber wenn man sich dazu entscheidet muss man sowohl das innere als auch das äußere Fasten – Achtsamkeit und Miteinander praktizieren, richtig? Trotzdem habe ich folgende Dinge beobachtet:

  • Am ersten Abend des Ramadans: Ein Autofahrer, der wie wild an unserem Taxi vorbeiraste und dem Taxifahrer und zwei Fußgängern den Mittelfinger zeigte.
  • Auch am ersten Abend: Zwei Männer, die auf der Straße Streit anfingen und sich mit Zwiebeln beschmissen. Zugegebenermaßen ziemlich lustig.
  • Erzählungen: In der alten Medina wurde eine Ausländerin angespuckt, weil sie gegessen hat

Ich finde es außerdem erschreckend, dass das Nicht-Fasten eines muslimischen Marokkaners hier mit Gefängnis gestraft wird. Es macht mir Angst, wenn Religion durch das Gesetz aufgezwungen wird und Menschen zwar nicht Essen, sich aber schlecht behandeln, aggressiv sind und andere verurteilen. Für mich hat das mit Spiritualität nichts zu tun.

Wahre Spiritualität im Ramadan

Ich denke trotzdem, dass der Großteil der Menschen hier wirklich Freude an der Fastenzeit hat, das Fasten als spirituelle Disziplin praktiziert und die negativen Beispiele in der Minderheit sind.

Mein Freund und ich waren vor wenigen Tagen mit einem Bekannten Abendessen. Auf dem Rückweg nach Hause mussten wir über eine abgesperrte Straße laufen, in der viele Menschen gebetet haben. Die Energie war atemberaubend und man hat gesehen, dass die Menschen mit Hingabe gebetet haben. Außerdem spenden viele Menschen an Ramadan an Bedürftige, am Abend kommen die Fastenden zum gemeinsamen Fastenbrechen zusammen und verbringen schöne, besinnliche Stunden zusammen. Ich habe großen Respekt vor der Disziplin und der Hingabe, die die Fastenden an den Tag legen.

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