Projekt „Bestimmung finden“: Wieso uns die ständige Suche nach Bestimmung Präsenz raubt

Mein Yogalehrer inspiriert mich. Trotzdem hinterfrage ich manche seiner Aussagen kritisch. Zum Beispiel spricht er häufig davon, dass jeder seiner höheren Pflicht nachgehen sollte, die unserem weltlichen Dasein Sinn gibt. Auf deutsch gesagt: Finde deine Bestimmung in dieser Welt.

Die Frage, die sich mir dazu stellt, ist Folgende: Wenn du oder ich diese eine Bestimmung noch nicht kennen, ist unser Dasein auf dieser Welt dann weniger „sinnvoll“?

Ich bin im Oktober letzten Jahres nach Bali gezogen, auch mit dem Anspruch meine Bestimmung zu finden – was für ein Klischée. Das ist ein Jahr her. Ob ich die eine Bestimmung in der Zwischenzeit gefunden habe? Nö!

Die Meisten von uns sind zu vielfältig und farbenfroh, um sich auf eine Sache festzulegen, die sie ausmacht. Wie könnte unser Leben dagegen aussehen, wenn wir all unsere Facetten ausleben könnten und endlich aufhören würden versteift nach dem einen Zweck, unserer einen Bestimmung, zu suchen? Und so auf natürliche Weise die Bestimmung als eine Kette sehen, in der jede Phase unseres Lebens ein Glied ausmacht?

Bestimmung finden: Das anstrengende Hetzen

Ich kann behaupten, dass viele Menschen in meinem Umfeld, inklusive mir, nicht wissen, was ihre eine Bestimmung ist. Wir haben Leidenschaften und verschiedene Interessen, können aber keine Entscheidung fällen.

Da Selbstverwirklichung in Form von „Bestimmung finden“ ein Anspruch ist, der sich auf Bali in extremen Maßen äußert, ein Einblick: Auf Bali fing ich an wie verrückt Workshops, Lifecoaches, Heiler und Yogalehrer aufzusuchen. Als Ergebnis habe ich alles bisher Bestehende in Frage gestellt: Es fing bei der Arbeit an, Freundschaften, Freizeitaktivitäten, Ernährung, bis hin zu Reiseplänen. Ich habe alles überdacht und zerpflückt.

You’re where you need to be. Just breathe. Mike Erler

Diese ganze gezwungene Suche nach „Bestimmung“ war anstrengend und frustrierend. In all dem Wahn etwas zu finden habe ich vieles verpasst. Anstatt mir also jeden Tag den Kopf darüber zu zerbrechen, was meine Bestimmung ist, habe ich mich gefragt: Was, wenn ich bereits da bin, wo ich sein soll?

Zeit schätzen

Yoga, Meditation, Reisen, Bücher, inspirierende Workshops und trotzdem konnte ich nicht sagen, was die eine Bestimmung für mich ist. Das Einzige was ich auf der Suche finden konnte war mehr Distanz zu mir und Frustration. Wie bin ich mit meiner Zeit umgegangen? Ich war nicht präsent und unzufrieden. War es das Wert?

Wenn du die aktuelle Phase deines Lebens als Teil deiner Bestimmung siehst wirst du achtsamer mit deiner Zeit umgehen und sie nicht mit ständigem Grübeln verschwenden. Du wirst aufhören auf einen Punkt in der Zukunft zu warten, an dem du glücklich sein wirst und begreifen, dass jetzt die Zeit ist.

Vertrauen lernen

Du liest ein Buch, dass dir wunderbare Antworten auf deine Fragen liefert. Dann gehst du in deine Yoga Stunde und dein Lehrer spricht inspirierende Worte, die aber nicht mit denen deines Buches zusammenpassen. Dann sprichst du mit deiner Freundin, die dir hilfreiche Tipps gibt, ihre Meinung ist aber eine dritte, weitere Abweichende. Schöne Inspiration, aber wir müssen wieder lernen uns selbst zu lauschen. Ich bin überzeugt, dass die Antwort in uns schlummert und nur von dem ganzen Input, der auf uns einfließt, aufgedeckt werden will.

Lass dir weder von deinem Yogalehrer, noch von deiner Freundin, deinen Eltern oder einem Buch sagen was das Richtige für dich ist. Bestimmung ist nicht das, was andere für richtig halten. Egal wie gut sie es meinen: Du musst lernen, wieder auf deine innere Stimme zu hören. Vertraue darauf, dass du die Antwort bereits kennst.

Vielfältigkeit leben

Ich habe gemerkt, dass ich viele Interessen habe. Ich bin Yogini, liebe Sport, Tanzen, Schreiben, Reisen, Mode und gutes Essen. Ich arbeite gerne, bin aber auch ein Familienmensch. Wieso solltest du dich jetzt für eine einzige Sache entscheiden, wenn so viele Dinge dich bereichern?

Deine Bestimmung ist authentisch zu sein, jeden Aspekt von dir anzunehmen, zu leben und deine Vielfalt zu schätzen, wie eine Kette mit Gliedern ist sie erst dann vollständig.

Erwartungen loslassen

Was richtig für dich ist, ist nicht automatisch übereinstimmend mit dem, was andere für dich erhoffen. Ich habe gemerkt, dass ich da durcheinander kam. Es fühlte sich lange so an, als sei das gesellschaftlich erwünschte Ich das Richtige für mich. Dann hätte ich meine Ruhe gehabt vor den Urteilen anderer, aber es war nicht was ich aus meinem tiefsten Inneren wollte. Deswegen betrachte deine Motivation. Willst du andere beeindrucken oder willst du authentisch sein?

Entscheide dich für Authentizität, das hält langfristig.

Akzeptanz praktizieren

Ich denke, dass die Bestimmung sich im Laufe der Jahre ändern kann und viele Menschen nicht nur eine Bestimmung haben. Das heisst du kannst jetzt dazu bestimmt sein als Sales Manager zu arbeiten, um in zwei Jahren zu entdecken, dass du bereit für die Aubildung zum Segelbootlehrer bist. Ich habe vor einem Jahr noch andere Dinge gewollt als jetzt. Wir ändern uns und somit unsere Interessen und meiner Meinung nach unsere Bestimmung.

Lebst du deine Bestimmung bereits? Oder bist du auf verzweifelter Suche danach, was das Richtige für dich ist? Findest du das Thema Bestimmung überholt? Ich freue mich auf deine E-Mail oder deinen Kommentar.

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2 Kommentare

  1. Liebe Jasmin,

    vielen Dank für diesen schönen Artikel.
    Ich stehe kurz vor meiner 2 jährigen Yogalehrerausbildung und meine große Vorfreude wird immer wieder von kleinen Zweifeln heimgesucht.
    Deine Worte sind so passend, denn wenn mein Herz mir diesen Weg vorgibt ist dies der richtige Weg für mich und so mit auch meine momentane Bestimmung 🙂

    Liebe Grüße
    Marie

    1. Liebe Marie,

      vielen Dank für deinen lieben Kommentar, ich stimme dir absolut zu.
      Ich wünsche dir eine wunderbare Yogalehrerausbildung.

      Liebe Grüße,

      Jasmin