Ein Jahr Bali: Mein ehrlicher Jahresrückblick

Ich bin im Oktober 2016 mit vielen Träumen und Erwartungen nach Bali gekommen. Das war vor einem Jahr und ich bin immernoch gerne hier. Vielleicht weniger mit der Illusion vom perfekten Paradies, aber einer klaren Sicht auf die Insel der Götter, in der Begeisterung manchmal Frustration weicht. Und einer Einsicht darüber, was das Paradies für mich wirklich ist.

Aus vielen Yogastunden und Yogiliteratur wurde mir vermittelt, dass ein stärkeres Bewusstsein zu echtem Glück führt, nicht die Welt, die wir extern erschaffen. Ich merkte erst auf Bali, dass ich es nie wirklich verstanden habe. An dem Punkt meines Lebens, in dem ich alle äußeren Umstände absoluter Freiheit gewidmet habe, merkte ich, dass ich innerlich nicht frei war.

Meine Erwartungen an die schnelle Freiheit

Ich entschied mich für ein Leben auf Bali um meine Yogapraxis zu vertiefen, meinen Blog aufzubauen, Yoga zu lehren und nebenher die Insel zu entdecken. Ich hatte vieles hinter mit gelassen: Meine schöne Wohnung in München, meinen Job, mein Lieblingsyogastudio, meine Familie und Freunde. Da diese Welt nicht mehr direkt greifbar war, geriet ich ins Wanken. Zudem hatte Bali meinen Erwartungen nicht zu 100% entsprochen. Der perfekte Nährboden für eine kleine Sinnkrise.

Konditionierung und Gefangensein habe ich noch nie so gespürt wie in der Zeit, in der ich ich selbst sein durfte. Es kamen die alten Zwänge auf, die wir in unserer Leistungsgesellschaft als ganz normal betrachten. Ich wollte berufliche, finanzielle und sogar spirituelle Erwartungen so schnell wie möglich erfüllen. Ich habe mir keinen Raum gelassen anzukommen. Ich war auf Bali mit Inselzeit und nicht in München, versuchte aber weiterhin alles zu kontrollieren.

Du erlangst mit dem Kauf eines Flugtickets nicht sofortige Freiheit. Auf einer langen Reise wirst du dich Dingen stellen müssen. Dir wird bewusst, dass die leise Stimme, die dir sagt, wie du zu funktionieren hast, dich überall hin begleitet. Und dass Freiheit nur in deinem Kopf stattfindet.

„Desto weiter ich reise, desto näher komme ich an mich heran.“ Andrew McCarthy

Egal an welchen schönen Ort der Welt du kommst, die anfängliche Illusion eines Paradieses wird sich mit der Zeit auflösen. Zum einen, da sich eine Facette deiner „Traumdestination“ als nicht paradiesisch herausstellen wird. Sei es die Politik, unangenehme Touristenfallen oder Umweltverschmutzung. Zum anderen durch deine persönlichen Schwierigkeiten, die sich nicht mit Wechsel eines Landes in Luft auflösen.

Somit finde ich das Zitat „Reisen ist der Abwasch der Seele“ den größten Fail seit langer Zeit. Wieso zur Hölle haben wir uns so entwickelt, dass wir denken, wegrennen sei die Lösung? Wir geben Beziehungen, Freundschaften und Jobs zu schnell auf, denn alles was Probleme schaffen könnte passt uns nicht mehr. Wir sind eine Wegwerfgesellschaft, in jedem Sinne. Genauso ist es häufig mit dem Reisen. Aber mit der Zeit kommen alte Gedankenmuster oder Ängste automatisch zurück. Und dann musst du in deinem eigenen Dreck wühlen für einen Neuanfang. Tempel in Bangkok besichtigen reicht nicht, sorry.

Wenn du in Gedanken nicht bereits frei bist wird dich das auf der ganzen Welt einholen, auch auf der „Insel der Götter“. So war es bei mir. Es läuft nicht alles nach „Eat, Pray, Love“, egal wieviel Fahrrad du in Ubud fährst (Ich habe dort übrigens noch niemanden Fahrrad fahren gesehen). Abgesehen davon – Kein Ort auf dieser Welt wird dich langfristig glücklich machen, dafür bist du selbst verantwortlich. Tu dir den Gefallen und atme durch. Gib dir endlich Raum nach innen zu schauen und loszulassen.

Was Bali für mich getan hat? Ich habe mich vielem gestellt, was ich lange verdrängt habe und habe meine verletzliche Seite gelernt zu akzeptieren. Ich habe mir Zeit und Raum gegeben. Ich habe die Erkenntnis gewonnen, dass ich trotz vieler Zweifel ein selbstbestimmtes Leben führen kann, dass sich alte Fesseln aber nicht so einfach lösen lassen. Es geht nicht darum wegzulaufen. Es geht darum sich zu stellen. Für diese Einsicht werde ich dieser Insel auf ewig dankbar sein.

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